Herausforderungen der Adoleszenz und Experimentierräume der Jugendarbeit: eine Arbeitsbilanz

Abschiedsvorlesung am 11.11.2015 an der FH Darmstadt (Download als PDF)

  1. Einleitung

Einleitend zu meiner Abschiedsvorlesung – am 11.11.2015 an der Hochschule Darmstadt – möchte ich kurz erzählen, wie es dazu kam, dass die Adoleszenz praktisch und wissenschaftlich zu meinem zentralen Thema wurde.

Zunächst habe ich ab 1970 Volkswirtschaftslehre studiert und damit dem Druck meiner Eltern nachgegeben. Aber schon während dieser Jahre stieg ich in die Bildungsarbeit ein, zunächst mit Arbeitern der Stadt Frankfurt in der Hessischen Erwachsenenbildungsstätte in Falkenstein. Die Bildungsarbeit hatte mich schnell erfasst, und so kam ich Mitte der 1970er Jahre zum Bildungsträger Arbeit und Leben, zur Volkshochschule und auch zur Jugendbildungsarbeit der Gewerkschaft ötv, dem Vorläufer von Verdi.

Meine erste und langjährige hauptberufliche Tätigkeit in der Jugend- und Jugendbildungsarbeit hatte ich ab Ende der 1970er Jahre beim Bund deutscher Pfadfinder (BdP). Dort habe ich dann über ein Modellprojekt den Arbeitsansatz mit Jugendgruppen vor dem Hintergrund von gewandelten Bedürfnissen von Jugendlichen neu erprobt. Wir leiteten zu zweit eine Gruppe, starteten mit 11-13jährigen und begleiteten diese Gruppe sechs Jahre lang bis ins Erwachsenenalter hinein. Ich versuchte, die Bildungsarbeit auf den Alltag zu transformieren und die Projektmethode in der Gruppenarbeit zu realisieren. Ich stieß an viele Grenzen und wurde jede Woche neu und anders mit der Pubertät konfrontiert. Was wir eine Woche zuvor noch gemeinsam ausgiebig geplant hatten, wurde eine Woche später kaum noch erinnert bzw. von anderen Ereignissen völlig überlagert. Das war teils nervig und unproduktiv, dann aber wieder spannend und neue Dimensionen eröffnend. Im nächsten Schritt suchte ich nach Theorien, die diesen Ansatz stützen und weiterbringen können.

Dabei stieß ich auf Theorien über die Adoleszenz, die im Unterschied zur Pubertät – als Ausdruck für die körperlichen Reifungsprozesse – die ganzen Prozesse der Enkulturation also des Hineinwachsens in eine Gesellschaft umfasst. Die Pubertät unterscheidet sich im Kulturvergleich eher wenig, währenddessen die Adoleszenz ein großes Spektrum an Formen und Zeiträumen aufweist von markanten Initiationsriten bis zu selbstinitiierten Jugendkulturen und kaum noch erkennbaren, kleinteiligen Übergängen. Der Begriff Adoleszenz steht für die psychischen Herausforderungen, die sich aus dem inneren Drang zur Veränderung einerseits und den kulturellen Angeboten andererseits ergeben. Jede Gesellschaft bringt Angebote für Jugendliche hervor, um die Brüche und Übergänge zu bewältigen, aber auch um die Gesellschaft vor zu viel Wandel zu schützen. Spätestens an diesem Punkt wird die Frage, wie man in der Jugendarbeit die Spiel- und Experimentierräume für Jugendliche mit gestaltet, auch ganz wesentlich eine politische, weil die Impulse, die von der Jugend in jeder neuen Generation ausgehen, immer auch die bestehenden Machtinteressen berühren und deshalb in Teilen erwünscht und in anderen Teilen unerwünscht sind.

Mein Anliegen heute ist, im Rahmen dieser Vorlesung eine gewisse Bilanz zu dem Verhältnis von Adoleszenz und Jugendarbeit zu ziehen. Dazu werde ich die zentralen Herausforderungen oder wie Flaake es nennt „Verarbeitungsanforderungen“ (2012, 136)  der Adoleszenz so systematisieren, dass wir damit auch den gesellschaftlichen Wandel erfassen können. Entsprechend werde ich zeigen, inwiefern die Adoleszenzprozesse relativ stabil geblieben sind in den vergangenen 25 Jahren und inwiefern sie sich gewandelt haben.

Anschließend fokussiere ich die Jugendarbeit, die in diesem Zeitraum eine Reihe von Kürzungen und Einschränkungen hat hinnehmen müssen. Ich gehe der Frage nach, wozu wir für die Jugendarbeit vor allem eine adoleszenztheoretische Fundierung brauchen. Abschließend greife ich die visionäre Seite der Adoleszenz auf, weil sie für die Jugendarbeit eine Chance bietet, selbst wieder mutiger und zukunftsfähiger zu werden.

  1. Umbrüche und Neues in der Adoleszenz

Beim Übergang von der Kindheit zur Jugend haben wir es mit verschiedenen Erscheinungen zu tun, die einen Umbruch und eine Zäsur markieren. Oft wird der junge Mensch nicht wieder erkannt von denen, die ihm nah sind und ihn umgeben. Der Umbruch zeigt sich körperlich, wenn mit dem Wachstum der Geschlechtsorgane, mit dem Stimmbruch und mit anderen Entwicklungsschüben das Körperbild aus den Fugen gerät; die Haltung, der Gang und die Gesten sind plötzlich andere. Im Unterschied zur Kindheit erhält der Körper in der Adoleszenz einen „aufdringlichen Charakter“ und wird zum Austragungsort von Spannungen (Günther 2013, 213). Dieser aufdringliche Charakter zeigt sich, wenn Mädchen den plötzlich anderen Blick der Männer spüren und wenn Jungen nur noch piepsige Töne hervorbringen. Der Umbruch zeigt sich psychisch in Form von starken Gemütsschwankungen, die bei vielen Jugendlichen depressive Stimmungen bis hin zu Suizidgedanken ebenso hervorbringen wie die plötzlichen Vorstellungen von ungeahnter Stärke und Größe. Der jugendliche Narzissmus übernimmt eine haltende Funktion in einer Zeit, in der die innere Welt auseinanderzufliegen droht. Die narzisstische Neigung ist – gepaart mit den Größen- und Allmachtsphantasien – auch dazu in der Lage, Leistungen und Ideen zu produzieren, zu denen Jugendliche sich noch kurz zuvor nicht in der Lage gesehen hätten. Eine ähnlich haltende und überbrückende Funktion übernimmt die Gleichaltrigengruppe, in der Jugendliche Gleichgesinnte und Gleichfühlende finden und mit ihnen andere Beziehungen und Aktivitäten erproben können. So schreibt Bohleber: „Die elterliche Stütze wird ersetzt durch den Rückhalt in Gruppen von Gleichaltrigen und durch Größenphantasien und Tagträume“ (2011, 70).

Die Veränderungen im körperlichen und psychischen Innenraum gehen mit veränderten Wahrnehmungen im Außen einher. Vieles wird jetzt anders gesehen und erhält eine andere Bedeutung: nahestehende Personen, soziale Räume, Regeln, Gesetze, Gesellschaft und Erwachsenenwelt. Dazu trägt auch die neue kognitive Fähigkeit der 11-15jährigen bei, formaloperativ zu denken, von der Gegenwart zu abstrahieren und Zukunftsentwürfe zu imaginieren (Bohleber 2011, 67). Insofern entsteht eine Dynamik der Veränderung, die das gesamte Wechselverhältnis zwischen Innen und Außen betrifft. Nichts ist länger verlässlich stabil. Nichts ist mehr sicher vor einem Wandel. Entsprechend ist für die Adoleszenz in besonderem Maße von einer diskontinuierlichen Entwicklung im Unterschied zu anderen Entwicklungsphasen des Menschen auszugehen. Deshalb spricht der Ethnopsychoanalytiker Mario Erdheim von einer „zweiten Chance“, die die Adoleszenz im Anschluss an die Kindheit bietet (1988). Fehlentwicklungen und Schädigungen können ausgeglichen werden, und es besteht die Chance, ganz neue Erfahrungen produktiv aufzunehmen, die Persönlichkeit zu erweitern und das Neue in das Selbst zu integrieren.

In meinem ersten Forschungsprojekt an der Hochschule Darmstadt von 1996 bis 1998 haben wir zusammen mit Studierenden verschiedene Jugendkulturen mit Gruppendiskussionen untersucht und die Transkripte in der Gesamtgruppe ausgewertet. In dem abschließenden Buch habe ich erstmals versucht, die verschiedenen Herausforderungen, denen sich Adoleszente ausgesetzt sehen, anders zu fassen als im Konzept der Entwicklungssaufgaben, das sich am Erreichen normativ gesetzter Ziele orientiert (Schröder/Leonhardt 1998). Fragt man stattdessen nach der Bewältigung von Herausforderungen, die sich dem Subjekt aufgrund der körperlichen Veränderungen und der gesellschaftlich neuen Rollen stellen, gibt es ein größeres Spektrum der Handlungsmuster. Die Frage nach der Bewältigung schließt mit ein, dass ein Subjekt auch in schwierigen oder extremen Situationen handlungsfähig bleiben muss. Das Konzept der „Bewältigung“ von Lothar Böhnisch umfasst somit auch jene Handlungsmuster, die als gefährdend oder gefährlich gelten, aber aus Notlagen heraus zur Wiederherstellung eines psychosozialen Gleichgewichts aufgegriffen werden können (Böhnisch 2012, S. 47).

Aus den Ergebnissen jenes Projekts über Jugendkulturen habe ich die vier Bewältigungsfelder Familie, Liebe, Arbeit und Selbst in einem Modell systematisiert und in den folgenden Jahren in weiteren Studien ausdifferenziert. Dieses Modell möchte ich im Folgenden präsentieren.

2.1 Familie – Ablösekonflikte und Umgestaltung von Beziehungen

Jugendliche müssen sich von ihrem kindlichen familiären Kosmos lösen, um die Abhängigkeit von den Eltern zu verringern und sich einen eigenen Ort in der Gesellschaft zu verschaffen. Dieser Prozess kann nicht konfliktfrei verlaufen. In erster Linie sind davon die Beziehungen zu den Eltern betroffen, weil die Heranwachsenden ihre Bewunderung und Libido von ihnen abziehen müssen. Das aufkommende sexuelle Verlangen ist nicht innerhalb der Familie realisierbar. Mit dem Inzesttabu haben sich nahezu alle menschlichen Kulturen vor dieser Gefahr geschützt. Deshalb taucht in der Adoleszenz die Botschaft auf, die Beziehungswünsche und Suche nach Liebesobjekten auf außerfamiliäre Bezugspersonen zu richten. Die Lösung von den Eltern kann divergierende Erscheinungsformen aufweisen, wenn man die heftig und öffentlich ausgetragenen Konflikte in den 1960er und 70er Jahren mit den Dramen vergleicht, die sich seit den 1990er Jahren vermehrt innerhäuslich abspielen. Die Jugendlichen begeben sich politisch und (sub)kulturell nicht mehr so häufig in einen schroffen Gegensatz zu den Eltern, wie in jener Zeitenwende nach 1968, als Jugendproteste die gesellschaftlichen Normen radikal in Frage stellten und in Teilen grundlegend veränderten. Für die 90er Jahre stellte die Shell-Jugendstudie eine weitgehend normative Übereinstimmung zwischen Eltern und ihren heranwachsenden Kindern fest. Wenn Münchmeier daraus den Schluss zog, dass Ablösungskonflikte nicht länger als gültiges „Bestimmungsmerkmal“ von Jugend anzusehen sei, so ging das wohl etwas zu weit (2001, 111). Denn Ablösungskonflikte sind weiter ein zentrales Merkmal dieser Lebensphase, auch wenn sich die Formen und Austragungsfelder wandeln. Deshalb boomt auch die Ratgeberliteratur zur Pubertät dauerhaft und viele Eltern nehmen vermehrt pädagogische und therapeutische Hilfen in Anspruch. Die Bedeutung der Generationendifferenz findet in einer jüngeren breit angelegten qualitativen Untersuchung eine Bestätigung. Helsper u. a. haben dazu 30 SchülerInnen aus 10. Klassen unterschiedlicher Schulformen autobiografisch-narrativ interviewt. Die Forscher stoßen auf deutlich konturierte Differenzen zwischen Eltern und ihren Kindern hinsichtlich der geäußerten Erwartungen, Anforderungen und Positionen (2009, 404f.).

Allerdings ist Münchmeier u. a. insoweit zuzustimmen, dass mit der sogenannten „Ablösung“ von den Eltern die Prozesse nur unzureichend erfasst werden. Das Autonomiestreben der Jugendlichen steht in vielen Fällen nicht auf Dauer konträr zu einer Bindungsbeziehung zu den Eltern. Die Bindungstheorie hat gezeigt, wie vor allem in jenen Familien mit sicheren Beziehungen diese im Jugendalter nach einigen Turbulenzen in neue Bindungsbeziehungen transformiert werden. „Sicher gebundene Jugendliche tragen Konflikte mit den Eltern auf eine Art und Weise aus, bei der Autonomiebestrebungen mit Bestrebungen, die Beziehungen zu den Eltern zu halten, ausbalanciert werden“ (Bohleber 2011, 68). Bei unsicher und desorganisiert gebundenen Jugendlichen bleibt die Ablösung über einen längeren Zeitraum konflikthaft, zumal die neuen und eigenständigen Beziehungen zu Gleichaltrigen und Liebespartnern auch durch diese Unsicherheiten geprägt werden. Angesichts dieser Erkenntnisse aus der Bindungstheorie erscheint es angemessener von Umgestaltung der Beziehung als von Ablösung in diesem Bewältigungsfeld zu sprechen.

Der gesellschaftliche Einfluss auf die Familie ist noch kurz zu betrachten. Denn mit der Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse und der neoliberalen Übernahme der Risiken durch die Individuen hat sich auch die Funktion der Familie im gesellschaftlichen Kontext geändert; die Familie wird vermehrt und länger als Schutz- und Versorgungsraum genutzt. Jugendliche und junge Erwachsene ziehen im Schnitt erst später von zu Hause aus. Die Heranwachsenden werden in ihrem Drang zu einer eigenen Lebensführung ausgebremst und müssen die Konflikte mit den Eltern auf andere Themen verlagern. So ermöglichen die neuen digitalen Medien, zu Hause in der Nähe der Eltern zu sein und sich mental doch ganz woanders zu befinden, also sich mit Tätigkeiten zu beschäftigen, die den Eltern eher fremd sind bzw. die von ihnen sogar abgelehnt werden. Diese Medien bieten somit neue Varianten der Konfliktaustragung.

Insgesamt können wir die Familie als Bewältigungsfeld für die Adoleszenz sowohl im Lichte von Diskontinuität als auch Kontinuität betrachten. Denn die mit Pubertät einhergehende Brüche, Umbauten und Konflikte verweisen auf das Ende der Kindheit und die Neujustierung der Koordinaten. Die Möglichkeitsräume und Beziehungen von Jugendlichen unterscheiden sich von denen, über die sie in der Kindheit verfügten. Die Entwicklung verläuft entsprechend diskontinuierlich. An Hand von Fallstudien wurde belegt, wie Jugendlichen aus dem Migranten- Milieu und aus bildungsferner Familie ein Bildungsaufstieg gelingt und welche Rolle dabei die Adoleszenz spielte (King 2008). Auf der anderen Seite zeigen quantitative Bildungsstudien der vergangenen Jahre, wie sich soziale Ungleichheit in den Familien reproduziert und wie schlecht die Aufstiegschancen aus unteren Schichten sowie aus Migranten-Milieus im Durchschnitt sind (Solga/Dombrovski 2012). Die Ursachen von dieser Reproduktion liegen einerseits im Bildungssystem, das selektiert und eine schichtspezifische Sozialisation befördert, sind andererseits mit den Verinnerlichungsprozessen von Normen, Werten und gesellschaftlichem Status zu erklären. Diese Internalisierung vollzieht sich in der innerfamiliären Kommunikation und bildet einen Habitus heraus, der die weitere Entwicklung des Heranwachsenden prägt und prädisponiert. Die Analysen von Bourdieu haben uns diese Sichtweise auf die Kontinuitäten im Lebenslauf eröffnet[1]. 

2.2 Liebe – die neue Verknüpfung mit Sexualität

Die Entwicklung von Liebesfähigkeit im Sinne einer Verknüpfung von Liebe und Sexualität macht das Neue in der Adoleszenz in besonderer Weise aus. Die Liebe der Kindheit muss sich wandeln; im Jugendalter beginnt der Drang zu einer geschlechtlichen Liebe und damit einer solchen, die sich weder nur autoerotisch noch über eine Nähe zu den Eltern verwirklichen lässt. Diese Liebe sucht außerfamiliäre Partner. Seit Sigmund Freud (1905/1987) verfügen wir über die fundamentale Einsicht in die Zweizeitigkeit der Sexualentwicklung, einer ersten in der Kindheit und einer zweiten ab der Pubertät. Zwar wird in der Kindheit die vielseitige sexuelle Empfindungsfähigkeit bereits voll ausgebildet und dennoch kommen über die hormonellen Schübe in der Pubertät andere Fähigkeiten hinzu, und – das ist entscheidend – Sexualität erhält eine andere Bedeutung. Damit ermöglicht dieser Entwicklungsschub den Jugendlichen und bürdet ihnen zugleich auf, andere Beziehungen einzugehen und sie auf eine Weise einzugehen, die sie noch nicht wirklich kennen. Sie kennen zwar die Bilder und Beschreibungen, aber sie müssen die Sexualität dennoch für sich selbst entdecken. Der erzählenden Literatur ist es oftmals besser gelungen als den Fachbüchern, Jugendliche an dieser Schwelle zu beschreiben, wenn sie sich vom anderen Geschlecht angelockt fühlen und sich zugleich ganz fragil empfinden. Die folgende Passage stammt aus „Sommer am See“, in dem der Autor die Wahrnehmungen, Phantasien und ersten Berührungen eines 14jährigen Jungen einfühlsam beschreibt (Vigevani 1958/2007).

„Langsam ließ er seinen Blick über den Strand schweifen, in Erwartung des Augenblicks, in dem er mit den nebeneinander ausgestreckten, leicht und elastisch geschwungenen Füßen die Gestalt der Frau wiederfinden würde. Lange ließ er seinen Blick auf ihr ruhen, trotz der Furcht, sie könne es merken oder sich, eine Stechmücke verscheuchend, bewegen und den Zauber brechen, der ihm den Atem stocken ließ“ (56).

Die Phantasien des Jungen in der Erzählung beziehen sich auf eine Frau, die seine Mutter sein könnte. In der frühen Adoleszenz heften sich Vorstellungen häufig an idealisierte und fern stehende Objekte, an denen man vor dem inneren Auge durchspielen kann, was in der Realität noch längst nicht möglich erscheint.

Der öffentliche Umgang mit Liebe und Sexualität hat sich in den letzten Jahrzehnten radikal gewandelt. Was früher verheimlicht wurde, steht heute über diverse Medien offen zur Schau. Das ruft auf der einen Seite den Kinder- und Jugendschutz auf den Plan und führt auf der anderen dazu, dass Jugendliche sich ihre Aufklärung selbst beschaffen können und viele Eltern in der Täuschung leben, denen stehe doch alles vergleichsweise offen.

Doch die Eroberung der sexuellen Geheimnisse braucht Zeit und Raum. Angesichts des im Prinzip zur Verfügung stehenden großen Freiraums im Umgang mit Sexualität ist der Erfahrungs- und Lernprozess unter heutigen Jugendlichen noch wichtiger geworden, weil mit dem neuen Freiraum auch die früher unhinterfragten sexuellen Normen und eindeutigen Rollenmuster weggebrochen sind. Insofern seien, so eine Studie des DJI, die „Anforderungen an Jugendliche gewachsen, selbst wahrzunehmen, zu ‚spüren’, was ihnen persönlich gut tut“ (Stich 2003, S. 100).

Im medialen Diskurs wird seit einigen Jahren eine „sexuelle Verwahrlosung“ bei Jugendlichen thematisiert, die angeblich zu früh mit ihrem Sex beginnen und Sex ohne Liebe praktizierten. Dem hält Sielert (2010) auf der Basis empirischer Sexualitätsstudien entgegen, dass diese Verhaltensweisen quantitativ nicht belegt sind. Der langfristige Trend des früheren altersmäßigen Einstiegs in das Geschlechtsleben (erste Koituserfahrung) zeigt in den letzten Jahren sogar eine rückläufige Tendenz. Während seit den 1980er Jahren sowohl die Mädchen als auch Jungen ihr „erstes Mal“ zunehmend früher erlebt haben, geben sie in der 2009 durchgeführten Repräsentativbefragung der BZgA im Durchschnitt wieder ein etwas höheres Alter an (BZgA 2010, S. 113). Das Untersuchungsergebnis widerspricht dem öffentlichen Reden über Sexualität von Jugendlichen als „immer früher“ und spiegelt einen eher suchenden und erprobenden Umgang.

2.3 Arbeit – als Aufnahmemodus in die Gesellschaft

Mit der Verselbständigung vom familiären Kosmos ist in der Jugendphase zugleich die Herausforderung verbunden, sich einen Platz in der Gesellschaft zu verschaffen. Eine umfassende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben setzt in einer Marktwirtschaft voraus, seine Arbeitskraft zu einem akzeptablen Preis verkaufen zu können. Dieses zentrale Eintrittstor ist nur mit umfassender Schulbildung zu erreichen. So gesehen fasse ich in diesem Bewältigungsfeld all jene Herausforderungen zusammen, die sich bei der Herausbildung der Arbeitskraft und ihrer Vermarktung stellen. Allerdings hängen die Chancen von jungen Menschen, einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz zu bekommen, wesentlich von den strukturellen Bedingungen der Märkte ab, die damit auch die Aufnahme oder Nicht-Aufnahme, die Inklusion oder Exklusion beeinflussen.

Die strukturellen Bedingungen und ihr ideologischer Überbau haben sich seit den 1980er Jahren mit einer lang anhaltenden hohen Sockelarbeitslosigkeit erheblich verändert. Die neoliberale Politik hat unter dem Druck der Arbeitslosigkeit Schutzmechanismen abgebaut und dem Individuum mehr und mehr Verantwortung aufgebürdet. Wer als Jugendlicher keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz fand, dem fehlte die von der Wirtschaft nachgefragte „Beschäftigungskompetenz“, die mehr und mehr zum Dreh- und Angelpunkt wurde. In den 00er Jahren wurden die Reallöhne gesenkt und neue prekäre Beschäftigungsverhältnisse geschaffen. Auf diese Weise ging die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland zwar zurück, aber eine wachsende Zahl an jungen Leuten musste sich im Übergang ins Erwachsenenalter auf riskante Lebensverhältnisse einstellen.[2] Wer keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz bekommt, ist auf Zuwendungen aus der Familie oder auf staatliche Transferleistungen angewiesen. Eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wird dadurch eingeschränkt und die Abhängigkeit von anderen Instanzen verlängert oder vertieft. Obendrein sorgt die neoliberale Ideologie, Erfolg basiere allein auf den Kompetenzen und Bereitschaften des Individuums, für verstärkte Selbstschuldzuweisungen und ein schwindendes Zutrauen zum Selbst. Die soziale Anerkennung wird verwehrt.

Die Probleme bei der Bewältigung in diesem Feld – Exklusion aus dem Arbeitsleben, riskante Lebensverhältnisse und fehlende soziale Anerkennung – wirken sich auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Beteiligung an der Demokratie aus. Denn der Übergang in das Erwachsenenalter zieht sich für diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen in die Länge und sie bleiben unbeteiligt an vielen Varianten des sozialen und politischen Lebens. So gesehen muss es eigentlich fast zynisch wirken, wenn das politische Desinteresse speziell von sogenannten bildungsfernen und sozial benachteiligten Jugendlichen beklagt wird. Angesichts von fehlender sozialer Anerkennung und Einbindung in gesellschaftliche Verhältnisse kann es nicht wundern, wenn diese Jugendlichen sich gar nicht „berechtigt“ fühlen, sich mit Politik zu beschäftigen oder sich dort einzubringen. Allein die Bildung und die Fähigkeit Sachverhalte wiederzugeben reiche nicht aus, um einen politischen Diskurs zu führen, meint Bourdieu. Ich zitiere: „hinzu kommen muß vielmehr noch das … Gefühl, berechtigt zu sein, sich überhaupt mit Politik zu beschäftigen, (das Gefühl, d.V.) ermächtigt zu sein, politisch zu argumentieren, …“ (Bourdieu 1979, 639). Das Gefühl, berechtigt zu sein, sich mit dem Politischen zu beschäftigen wird gesellschaftlich gegenüber den potentiell ausgeschlossenen Jugendlichen und insgesamt gegenüber den unteren Schichten weder gebilligt noch gefördert.

Zur Illustration dieses Bewältigungsfeldes aus der Perspektive der Heranwachsenden möchte ich einen Fall aus einem wunderbaren Filmprojekt einbringen. Die Regisseurin hat 7 Jugendliche aus der französischen Schweiz 7 Jahre lang in ihrer Adoleszenz im Alltag begleitet. In 4 Filmen á 100 Minuten sind die verschiedenen „Teenagergeschichten“ (Roman D’ados) so spannend dokumentiert, dass wir uns in einer Lehrveranstaltung ein ganzes Semester damit beschäftigen konnten (Schröder 2012). Das Bewältigungsfeld Arbeit betreffend, zeigt der Film ganz unterschiedliche Lebenswege. Vier der sieben Jugendlichen erhielten einen Ausbildungsvertrag, einer machte Abitur, eine fand eine Tätigkeit als ungelernte Angestellte, und Virginie hat als einzige aus der Gruppe äußerst negative Erfahrungen mit den prekären Entwicklungen am Arbeitsmarkt gemacht. Sie hat einen schlechten Schulabschluss, versucht es als Au-pair in der Deutschschweiz, sucht ohne Erfolg eine Leerstelle, übernimmt diverse Jobs und Praktika als Mechanikerin, Kellnerin, Arzthelferin, Verkäuferin und Großküchen-Aushilfe. Zu guter Letzt geht sie in den Spitaldienst der Schweizer Armee. Ihr Durchhaltevermögen ist beeindruckend, zumal sie trotz ihrer Erfahrung mit vielen Abweisungen daran festhält, „Erfüllung“ in der Arbeit zu suchen. Das Beispiel zeigt die Zurückweisungen und Entwertungen und es zeigt die Kraft, die man aufbringen muss, um in so einer Situation nicht aufzugeben und am Ziel einer über die Arbeit erfolgten Integration festzuhalten.

2.4 Selbst – Anforderungen an die innere Integration

Die Anforderung, eine Identität oder besser: eine Vorstellung vom „Selbst“ herausbilden zu müssen, ist strukturell mit der Adoleszenz verbunden. Divergierende und gegensätzliche Erfahrungen sowie polare Persönlichkeitsanteile gilt es, im Verlauf der Adoleszenz ein Stück weit im Selbst zu integrieren. Polare Persönlichkeitsanteile können beispielsweise entstanden sein, indem man einen sehr moralischen Vater erlebt und dessen Botschaften in Teilen verinnerlicht hat und dann im Jugendalter auf einen moralisch offenen Jugendarbeiter trifft, der übergangsweise stark idealisiert wird. Diese beiden konträren Identifizierungen, die in Teilen in die Persönlichkeit übernommen werden, suchen nach einer inneren Lösung im Jugendlichen, der sich nicht einfach für die eine oder andere Seite entscheiden möchte. Mit dem Selbst bezeichnet man einen übergeordneten Prozess, der die verschiedenen Identifizierungen und Idealisierungen und damit die Anteile des Ich und Überich miteinander verknüpft und integriert (Blos 1962/1978, 216).

In der Jugendphase führen die Veränderungen im Übergang zu einer Dezentrierung des Subjekts, wenn es sich nicht mehr im kindlichen Kosmos mit klaren Funktionszuweisungen zu den Eltern und anderen Bezugspersonen heimisch fühlt. Das jugendliche Subjekt muss sich von den infantilen Liebesobjekten lösen, sieht sich mit neuen sexuellen Erregungen konfrontiert und muss seine Beziehungen umgestalten. Vielen Jugendlichen erscheinen die zwiespältigen Gefühle, die sie empfinden, unvereinbar, und viele sind – gerade in den heißen Jahren der Pubertät – verzweifelt, weil sie kein Entrinnen sehen. Sie entscheiden sich deshalb oft für Szenen, Jugendkulturen und Auffassungen, die sehr deutlich polarisieren und die Erlebnisse und Gefühle in einem Schwarz-Weiß-Schema zum Ausdruck bringen. Nach einer Zeit von Ungleichgewichten und starken Wechselhaftigkeiten suchen sie ein neues Gleichgewicht – eine neue Zentrierung. Denn der Mensch ist – auch angesichts von gesellschaftlichen Freisetzungsprozessen – über seine Leiblichkeit gezwungen, das Selbst im Sinne einer Gesamtheit der seelischen Vorgänge und Instanzen in eine Kohärenz zu bringen. Die von der jüngeren Sozialwissenschaft teilweise vertretene Vorstellung, dass Teil-Identitäten wie unverbunden nebeneinander existieren, ist aus einer leib-seelischen Perspektive nicht haltbar (Bohleber 1999, 513).

Eine Integration der neuen Körperlichkeit, der neuen Wahrnehmungen und Erfahrungen sowie der sich verändernden Beziehungsverhältnisse in eine Vorstellung vom Selbst also von dem, was die Person ausmacht, ist somit unumgänglich und bedarf einer Reihe von Umwegen und Jahren. Der Wandel bzw. der Umbruch im Individuum trifft auf eine Gesellschaft, die ebenfalls durch  Neuerungen, Entgrenzungen und Verflüssigungen geprägt ist. Somit sind Jugendliche einem Wandel im Innen ausgesetzt und treffen auf ein fluides Außen. Allerdings kann der gesellschaftliche Wandel für Jugendliche bedeuten, genau über das Involviertsein in diesem Wandel Selbstbewusstsein und Identität zu entfalten. So kennen sich derzeit viele Jugendliche mit den neuen Medien und sozialen Netzwerken erheblich besser aus als die älteren Generationen und erfahren auf diesem Weg soziale Anerkennung und eine Bestätigung ihres Selbst.

Die Neuverortung des Selbst betrifft – anders als in der letztendlich beschützenden Kindheit – sehr existentiell das Verhältnis zwischen sich und der Welt. Man muss nicht nur die eigene Existenzsicherung in Angriff nehmen, um Selbstständigkeit zu erreichen, man stellt auch die Fragen nach dem Sinn von Werten und Regeln sowie nach dem Sinn des Lebens in dieser Welt, so wie sie ist und wie sie einem erscheint. Jugendliche haben zumeist sehr grundsätzliche und rigorose Fragen an das gesellschaftliche und politische Zusammenleben. Die Zeit der Adoleszenz ist geradezu prädestiniert für das Politische, wenn es gelingt, diese ihre Fragen heraus zu hören und mit ihnen zu arbeiten. Diese sich ihnen neu entfaltende Realität begreifen sie vor dem Hintergrund ihres in der Kindheit geprägten Weltbildes zunächst gar nicht. Ihnen fallen die Widersprüche besonders krass auf: zwischen Reden und Handeln, zwischen Aussagen von gestern und von heute sowie insgesamt zwischen Ansprüchen und Wirklichkeiten. Entsprechend rigoros sind ihre Vorstellungen, wenn sie denn ermuntert werden sich zu entäußern und wenn sie einen für sie gemäßen Rahmen finden.

Aktuelle Daten zeigen eine Zunahme von politischem Interesse und Engagement. Gemäß einer Greenpeace-Engagement-Studie von 2015 sind kurzfristige, projektbezogene und Erfolg versprechende Aktivitäten weiter im Trend (Michelsen u. a. 2015). Und insgesamt hat das politische Interesse der 15- bis 24jährigen in Deutschland in den letzten vier Jahren von 40 auf 46% zugenommen, wie  die repräsentativen Ergebnisse der aktuellen Shell-Studie zeigen (Deutsche Shell Holding 2015, 157). Wenn bei Jugendlichen einmal eine Motivation zum politischen Mitmachen entstanden ist, geben sie sich zumeist nicht mit dem klein-klein von eingegrenzter Realitätspolitik zufrieden, möchten vielmehr am liebsten das große Ganze angehen. Eine theoretische Erklärung für die Tendenz zu den großen Grundsatzthemen bei Jugendlichen ergibt sich aus den virulenten Größenphantasien, die zumeist erst langsam im jungen Erwachsenenalter dem Realitätsprinzip weichen.

  1. Jugendarbeit unter Einbeziehung von Adoleszenztheorien

Die Jugendarbeit zeichnet sich durch Offenheit in mehrfacher Hinsicht aus. Sie wendet sich an alle jungen Menschen, die noch nicht 27 Jahre alt sind; sie ist also erstens Adressaten offen. Sie geht bei ihren Angeboten von den Erfahrungen, Bedürfnissen und Interessen der Jugendlichen aus; sie ist zweitens gegenüber den Angeboten offen. Und drittens orientiert sie sich an keinem Curriculum und ist gegenüber den Ergebnissen offen. Die Jugendarbeit verfolgt insgesamt das Ziel, Jugendliche zur Selbstbestimmung zu befähigen sowie ihr soziales und gesellschaftliches Engagement zu befördern. Die Jugendarbeit hat somit ein politisches Mandat, wenn auch in einer sehr allgemeinen Form. Aus den Prinzipien der Offenheit leitet sich die Freiwilligkeit der Teilnahme als ein weiteres unhintergehbares Prinzip ab, das die Anbieter der Jugendarbeit dazu zwingt, die Bedürfnisse und Interessen der Jugendlichen zu berücksichtigen. Jugendarbeit muss ihre Angebote so gestalten, dass sie von Jugendlichen freiwillig angenommen werden. Darin liegen einerseits der experimentelle Charme der Jugendarbeit und andererseits die große Herausforderung für Mitarbeiter/innen, die ihr Arbeitsbündnis mit den Kindern und Jugendlichen immer wieder neu aushandeln und ausbalancieren müssen.

Unter Jugendarbeit verstehen wir keineswegs nur die Offene Jugendarbeit, die die Offenheit in ihrem Namen trägt, sondern auch die Aktivitäten der Jugendverbände (mit ihren von Jugendlichen weitgehend getragenen Strukturen), die kommunale Jugendarbeit (mit Freizeiten, Seminaren und Schulkooperationen) und auch selbstorganisierte Jugendinitiativen, Bildungsvereine und Bildungsstätten (Schröder/Leonhardt 2011). Der Rahmen von Jugendarbeit, wie ihn der §11 im KJHG beschreibt, bildet auf prägnante Weise die Kernelemente einer emanzipatorischen Theorie der Jugendarbeit ab. Diese wurde erstmals in den 1960er Jahren ausgearbeitet und anschließend zeitgemäß weiterentwickelt (Lindner 2006). Sie geht konsequent von den Jugendlichen aus, beteiligt diese an allen Prozessen und ist auf politische Mitwirkung ausgerichtet. Die Jugendlichen können sich in der Jugendarbeit mit ihren vielseitigen Bildungs- und Entwicklungsthemen beschäftigen. „Sie gestalten differenzierte Beziehungsformen, erproben Möglichkeiten geschlechtlicher Identität, inszenieren Ereignisse und Bühnenstücke, machen interkulturelle Erfahrungen, eigenen sich Kompetenzen an, die im schulischen Curriculum nicht enthalten sind, sie übernehmen schließlich auch Verantwortung als Ehrenamtliche“ (Expertengruppe 2009, 11).

Allerdings ist die Jugendarbeit seit Ende der 90er Jahre periodisch sinkenden Zuschüssen ausgesetzt und hat zwischen 1998 und 2006 einen Einbruch bei der Beschäftigtenzahl um 14% erlebt (Pothmann 2012, 14f.). In den nächsten vier Jahren setzte eine gewisse Erholung an, die mit einem Plus von 5% der Stellen die vorherigen Einbußen aber nicht ausgleichen konnte – immer noch ein Minus von 9% insgesamt. Andere Felder der Jugendhilfe wurden in diesem Zeitraum deutlich ausgebaut, sodass im Jahre 2012 die Jugendarbeit mit einem Anteil von 5,04% an den Jugendhilfeausgaben einen historischen Tiefstand erreichte (Lindner u. a. 2014, 436). Die Jugendarbeit ist von einer Umdefinition ihrer Ziele und Grundsätze bedroht. Denn sie wird mehr und mehr in Dienst genommen für spezielle Probleme wie Jugendgewalt, Drogenkonsum und Berufsnot oder für bestimmte schulische Defizite. Auf diese Weise wandern Zuschüsse, die zur Förderung von Persönlichkeitsentwicklung und sozialer Identität zur Verfügung standen, in die Aufgabenbereiche der Jugendsozialarbeit und Hilfen zur Erziehung. Bisweilen werden diese Verschiebungen auch von Mitarbeiter/innen mit getragen, wenn sie sich den flexiblen Anforderungen der Jugendarbeit nicht gewachsen fühlen und gerne auf spezielle Felder wie Hausaufgabenhilfe und Berufsberatung dauerhaft ausweichen (Scherr/Sturzenhecker 2014, 370). In einer Jugendarbeit im Sinne des §11 werden diese Felder und Probleme sehr wohl aufgegriffen, jedoch unter Einbeziehung der gesamten Person und nicht als spezialisiertes und arbeitsteilig organisiertes Angebot.

Die Jugendphase als Adoleszenz zu verstehen bedeutet, die gesamte Persönlichkeit und deren Entwicklungschancen zum Thema machen. Die modernen Theorien zur Adoleszenz sind sehr anschlussfähig gegenüber den Prinzipien Offenheit und Freiwilligkeit in der Jugendarbeit. Die Adoleszenztheorien verknüpfen verschiedene Einflussfaktoren und Perspektiven, indem sie die biologischen Entwicklungen der Pubertät, die psychischen Dynamiken in der Übergangszeit sowie die sozialen und gesellschaftlichen Einflüsse und Herausforderungen miteinander verknüpfen. Die heutigen, psychoanalytisch fundierten Adoleszenztheorien basieren nicht mehr auf einem strengen Entwicklungsschema der frühen Psychoanalyse, bieten vielmehr eine Reihe von Deutungsmustern, die zu einem multiperspektivischen Verstehen verhelfen.

Wir brauchen ein theoretisches Verständnis der Adoleszenz, um eine Kenntnis und ein Gespür für die Vielfalt und Umweghaftigkeit jugendlicher Verhaltensweisen entwickeln zu können. Wir brauchen ein Instrumentarium, um rätselhaftes und provozierendes Verhalten realistisch einordnen zu können. Damit sind wir zwar nicht vor Irritationen geschützt, wenn Jugendliche uns in ihre Spielchen hineinziehen, um uns zu testen und zu provozieren und um von sich und ihren Verunsicherungen abzulenken. Aber wir rechnen damit und sind innerlich vorbereitet. Und wir können Situationen im Nachhinein – im Team oder in der Supervision – unter Einbeziehung unseres theoretischen und empirischen Wissens angemessen deuten. Auf diese Weise finden wir Unterstützung für das, was wir jenen Jugendlichen besonders geben müssen, die wenig soziale Anerkennung, unsichere Bindungen und/oder prekäre Lebensverhältnisse erfahren haben: eine haltende Begleitung der Jugendlichen durch soziale Räume und geneigte Personen. Als Jugendarbeiter/in taucht man über eine haltende Beziehung in die zum Teil heftig ausgetragenen Konflikte ein, wenn die, die Halt besonders brauchen, sich dagegen wehren, weil sie nicht glauben können, dass man es ernst meint mit der Beziehung. Wer diesen Jugendlichen Halt geben möchte, muss zunächst Einiges aushalten, bevor sich Erfolge einstellen.

Neben dem theoretischen Zugang zur Adoleszenz brauchen wir deshalb auch einen selbstreflexiven. Es ist wichtig und hilfreich, wenn wir unsere eigenen Erfahrungen, Gefühle und Konflikte aus dieser Zeit aufgearbeitet und reflektiert haben. Denn erst dann wissen wir besser, warum wir über bestimmte Verhaltensweisen von Jugendlichen besonders stolpern oder andere besonders begeisternd finden. Wer seine eigenen Schwachstellen aus dieser Zeit kennt und damit eigene Grenzen besser einschätzen kann, verfügt über mehr Möglichkeiten und mehr Sicherheiten im Umgang mit Jugendlichen. Aus meiner Erfahrung hilft die Selbstreflexion nicht im Sinne eines einmaligen Vorgangs, sie sollte vielmehr immer wieder eine Rolle in Diskussionen spielen. Die eigenen Sichtweisen verändern sich, die Jugendlichen treten in neuen Varianten auf und insofern wird auch die Selbstreflexion auf jene Zeit immer wieder andere Aspekte beleuchten.

  1. Das Neue und Visionäre in der Adoleszenz und ihr Nutzen für die Jugendarbeit

In der Öffentlichkeit wird die Jugend immer dann thematisiert, wenn sie Probleme macht in Form von Störungen, Unangepasstheit und Rebellion. Dazu gehören auch die pubertären Auseinandersetzungen mit den Eltern, die es immer wieder auf die Titelblätter der einschlägigen Magazine schaffen. Dagegen wird die produktive, visionäre, subkulturschaffende oder gar revolutionäre Seite der Adoleszenz eher selten herausgestellt. Allenfalls im Nachhinein finden jene Zeitenwenden, die durch Jugendliche und junge Erwachsene eingeleitet wurden, eine öffentliche Würdigung und Anerkennung. Und oft bieten diese Zeiten den Stoff zur Mythenbildung und Überhöhung auf der einen und einer Verteufelung auf der anderen Seite.

Aktuell befinden wir uns vielleicht wieder einmal in einer Zeitenwende, wenn man an die großen Fluchtbewegungen und die damit verknüpften gesellschaftlichen Veränderungen denkt. Aber wir befinden uns nicht in einer Zeit von Jugendprotest – jedenfalls keinem offensichtlichen oder einem Protest, so wie wir ihn kennen. Aber die aktuellen Jugendgenerationen erproben Neues und kreieren  andere Sichtweisen. Dafür stehen die sozialen Netzwerke und neuen Kommunikationsformen, dafür steht ein Wiedererstarken des politischen und gesellschaftlichen Interesses. Und nicht zuletzt stehen dafür die neuen Potentiale der Migranten-Jugend; diese bedient sich ihrer besonderen Kenntnis, die aus der doppelten kulturellen und sprachlichen Erfahrung erwächst. Wenn Jugendarbeit die entsprechenden Möglichkeitsräume schafft, hat sie das besondere Privileg, die Jugend bei ihrer Suche nach Neuem und Eigenen und bei der Nutzung ihrer Potentiale zu begleiten.

In unseren verschiedenen empirischen Untersuchungen der vergangenen Jahre – zu Jugendkulturen, zur Beziehungsarbeit und zu politischer Jugendbildung haben wir immer wieder erlebt, dass die Neugier bei allen schlummert und zu aktivieren ist. In den vielen Interviews und Gruppendiskussionen der vergangenen 15 Jahre haben wir entdeckt, für welche Aktivitäten sich Jugendliche interessieren, wie sie dazu die Jugendarbeiter/innen nutzen und benutzen und wie sich die Jugendlichen für politische Fragen motivieren lassen. Der Möglichkeitsraum durch politische Jugendbildung beispielsweise ist dann gut gestaltet, wenn die pädagogischen Personen selbst auch Position beziehen und die Jugendlichen direkt ansprechen, und wenn die Veranstaltungen inhaltlich und methodisch breit angelegt sind, um bei den Erfahrungen und Befindlichkeiten der Jugendlichen anzusetzen.

Abschließend möchte ich zusammenfassen, worauf es zentral ankommt, wenn man eine tragfähige und engagierte Jugendarbeit betreiben möchte. Für eine tragfähige Jugendarbeit braucht man geeignete Rahmenbedingungen, um die Interessen und Bedürfnisse der Jugendlichen in ihren aktuellen Formen auf vielseitige Weise aufzugreifen und ein Arbeitsbündnis mit ihnen einzugehen. Das Arbeitsbündnis soll eine experimentelle und haltende Beziehung ermöglichen. Dazu muss man sich für die Persönlichkeiten und Gruppen als ganze interessieren und sich immer wieder auf Entdeckungsreise sowie in die Reflexion begeben, um zu verstehen. Ein Verstehen von Jugendlichen in ihren Umbrüchen, Wendungen und starken Emotionen braucht die Adoleszenztheorie, die vor allem jene Prozesse erklärt, die man in der unmittelbaren Interaktion nicht sieht. In der Jugendarbeit führt  das Verstehen durchaus zu konfrontativen Interventionen, ja diese sind sogar alltäglich, obwohl das Verstehen oft in der Weise fehlinterpretiert wird, als sei es ein „einverstanden Sein“. Ein wesentliches Ziel der Jugendarbeit ist es, die Zugänge der Jugendlichen zum Gemeinwesen vielfältig zu fördern und sie bei ihrer sozialen und politischen Verortung zu unterstützen. Denn diese Teilhabe ist ein unbedingtes Element von Selbstbestimmung, die nur im sozialen Kontext gelingen kann.

[1] Kritische Stimmen halten das Konzept von Bourdieu allerdings wiederum für sozialdeterministisch (Brumlik 2009, 152).

[2] Zudem erfolgte die Verbesserung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit auf Kosten anderer Länder, vor allem denen in Südeuropa und trug mit bei zu dem dramatischen Anstieg der dortigen Arbeitslosigkeit seit der Finanzkrise von 2008 (Streeck 2015).

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